»Die Wucht des erlebten Schicksals«

Aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des St. Antoniusheimes wurden von dem in Hamburg lebenden Künstler Ulrich Rölfing insgesamt 25 ausdrucksstarke Porträts gemalt, in denen die individuellen Lebensläufe der Bewohner sichtbar werden – für den Künstler eine intensive Zeit mit ganz besonderen Begegnungen. Dem Journalisten und ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur der Westfälischen Nachrichten, Zeitungsgruppe Münsterland & Partner, Reimar Bage, erzählten sie ihre Sicht auf ihr Leben. Im Zusammenspiel von Bewohnern, Künstler und Journalisten entwickelten sich die Porträts, die von Hoffnung und Enttäuschung, von Neuanfängen und vom Scheitern, von Ruhelosigkeit und vom Finden der Ruhe zeugen.


Bernhard B.
Jahrgang 1952
Haustechnik
Seit 1993 Bewohner
im St. Antoniusheim

„Mein zweites Zuhause“

Er verkörpert den Typ eines bodenständigen Münsterländers und ist kein Freund großer Worte: In Graes geboren und mit acht Geschwistern groß geworden, hat Bernhard B. nach dem  Besuch der damaligen Volksschule eine Lehre als Maurer begonnen. Nach erfolgreicher Gesellenprüfung war er dann noch etwa fünf Jahre als Maurer tätig. 1973 wechselte Bernhard B. zu einer Steinmetzfirma in Ahaus. Dort ging es eher um den Bau von Treppen, das Legen von Fußböden und das Setzen von Grabdenkmälern.

1975 heiratete er, der Ehe entstammen drei Kinder. Doch schon zehn Jahre später folgte die Scheidung. Und mit ihr kamen insbesondere finanzielle Probleme: Unterhalt und Miete wollten bezahlt werden – das Einkommen wurde knapp.

Ein Jahr später erkrankte Bernhard B. schwer: Die Ärzte fanden einen Tumor im Dickdarm. Nach der geglückten Operation war der heutige Bewohner des St. Antoniusheims etwa ein Jahr krank geschrieben, danach konnte er wieder für ein weiteres Jahr arbeiten, bevor er arbeitslos wurde. Zwar war Bernhard B. anschließend noch fünf Jahre bei einer Schreinerei tätig, doch dann tat sich ein großes Problem auf: er hatte keine Wohnung mehr.

Zu diesem Zeitpunkt kam er durch Vermittlung ins Antoniusheim nach Vreden. Dort war er zunächst fast acht Jahre in der Gärtnerei tätig – „eine Arbeit, die mir Spaß gemacht hat“.

Dann aber waren seine Fähigkeiten als Maurer und Steinmetz  wieder gefragt: Er baute auf dem Koloniegelände den Schweinestall mit auf, legte die Pflasterung auf dem Gelände und wurde schließlich, wie er schmunzelnd meint, zum „Mädchen für alles“. Logischerweise landete er schließlich bei der Haustechnik als Mitarbeiter. Im August dieses Jahres blickt Bernhard B. offensichtlich zufrieden auf 15 Jahre Leben im St. Antoniusheim in Vreden zurück, das für ihn „praktisch zum zweiten Zuhause geworden ist.“



Uwe N.
Jahrgang 1945
Schälküche
Seit 2004 Bewohner
im St. Antoniusheim

„Mit 50 alles hingeschmissen“

Der Bruch im Leben von Uwe N. kam nach 28 Berufsjahren. Bis dahin hatte er einen durchaus interessanten Werdegang aufzuweisen. Nach dem Volksschulabschluss begann der gebürtige Viersener zunächst eine Kfz-Mechaniker-Lehre, die er mit der Gesellenprüfung abschloss. Zwei Jahre blieb er noch in diesem Metier tätig. Dann wechselte er und wurde Krankenpflegeschüler in einer Landesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. „Damals herrschte akuter Personalmangel im Pflegebereich und die finanzielle Versuchung war für mich groß“, erinnert er sich noch genau. Nach bestandenem hausinternen Examen und dem Staatsexamen begann er noch eine Ausbildung zum Fachpfleger für Psychiatrie. Ferner machte er eine Zusatzausbildung im Lehrwesen für den Umgang mit geistig behinderten Menschen. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit lag anschließend in der Fortbildung von Berufskollegen.

Zwischenzeitlich hatte Uwe N. geheiratet und war Vater von zwei Söhnen geworden. Doch als er etwa 50 Jahre alt war, hat er wegen familiärer Schwierigkeiten und der folgenden Scheidung „alles hingeschmissen. Ich war völlig ausgebrannt.“

Mit diesem Bruch einher ging nicht nur ein Wohnortwechsel nach Gronau, sondern widrige Verhältnisse und Wohnungsverlust führten zu Alkoholproblemen. Zweimal hat er sich einer Entziehung unterzogen, heute hat er dieses Problem „im Griff“, wie er sagt. Aber: „Es gehört zu mir und ich will das nicht radikal ändern.“ Nach dem Umzug nach Gronau gab es noch einmal einen Anlauf, geregelte Arbeit aufzunehmen, aber letztlich blieb es nur bei befristeten Anstellungen.

Durch die Betreuung in der Suchtberatung kam Uwe N. zum Antoniusheim. Sein Wunsch, in der Küche arbeiten zu wollen, wurde erfüllt. Heute schätzt er die regelmäßige und beständige Arbeit ebenso wie die Tatsache, „dass ich jetzt den richtigen Rahmen, geregelte Kost und eine feste Bleibe gefunden habe.“ Deshalb möchte er zumindest bis zum Erreichen des Rentenalters hier bleiben. Dann wird er sich die Frage stellen: “Wie sieht Dein weiteres Leben aus?“


Steffen R.
Jahrgang 1970
Gärtnerei
Seit 2007 Bewohner
im St. Antoniusheim

„Auf aufstrebendem Ast“

Man tut dem jungen Mann wohl kein Unrecht, wenn man sein bisheriges Leben so skizziert: Er war bislang fast immer auf der Flucht. Der Sohn eines Journalisten und Autors aus dem Schwarzwald hatte nach dem Realschulabschluss eine Schlosserlehre begonnen und bald wieder abgebrochen, es folgte die Ausbildung zum Energieelektroniker. Da es in seiner Heimat keine Arbeitsstelle gab, wechselte er nach Ravensburg und blieb dort sieben Jahre in seinem Beruf. Dann aber gab es „tierischen Ärger mit der Freundin“, der zur Flucht vor der Frau und dem Umfeld führte. Ein Jahr lang zog Steffen R. von Bio-Bauernhof zu Bio-Bauernhof quer durch Deutschland, bis er in Göttingen landete. Es folgten drei Jahre Arbeit in Bayern als Elektriker. Dann aber ging’s wieder – wegen einer gescheiterten Beziehung – zurück nach Göttingen. „Dort habe ich Scheiße gebaut, das war mein tiefster Fall“ – auch wenn er nach vier Monaten Untersuchungshaft freigesprochen wurde.

Die Hoffnung, durch den Umzug zu seiner Schwester in Berlin wieder Boden unter die Füße zu bekommen, trog. Zwar arbeitete er zwei Jahre, doch sein Alkoholproblem, das er schon seit seinem 15. Lebensjahr hat, war stärker. Er stellte das Arbeiten ein, bezahlte seine Miete nicht mehr und rettete sich schließlich mit einem erneuten Umzug zu seiner Großmutter in Recklinghausen.

Hier wurde er in eine Langzeittherapie eingewiesen, erlitt aber zwei Rückfälle und landete schließlich in der Arbeiterkolonie in Maria Veen. Ein dreiviertel Jahr später wechselte er schließlich ins Antoniusheim.

Heutige Erkenntnis des 38-Jährigen: „Je öfter ich abstürze, umso schwerer wird es, aus dem Teufelskreis herauszukommen.“ Inzwischen ist er in einer Motivationsgruppe aktiv und fühlt sich sogar schon „auf dem aufstrebenden Ast.“ Er möchte mit Hilfe des Seelsorgers im Antoniusheim die Gruppenarbeit forcieren und für sich selbst die Vergangenheit aufarbeiten. Ihn umtreibt die Frage „Will ich nicht oder kann ich nicht aufhören mit dem Alkohol?“ Dennoch: Steffen R. gibt sich noch nicht auf. Er möchte nach Vreden ziehen, dort wohnen und wieder dauerhaft arbeiten.



Aktuelle Termine


Wohnungslose Menschen des St. Antoniusheims Vreden im Porträt

Die Ausstellung »Die Wucht des erlebten Schicksals«
ist vom 22. September bis zum 8. Oktober 2012 täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr
in der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt in Ahaus zu sehen.


Bisherige Ausstellungen

27.09. - 19.10.2011

St. Marien-Krankenhaus Siegen

 
 

12.02. - 12.03.2011

Clemens-Josef-Haus in Blankenheim
Vellerhof 1
53945 Blankenheim

 

11.07. – 29.08.2010
St. Joseph Kirche
Hammerstr. | 48153 Münster


22.06. – 07.07. 2010
Kreuzgang der Mauritiuskirche in Minden
zum 40-jährigen Jubiläum des Caritasverbandes Minden e.V.
Pauline-von-Mallinckrodt-Platz 8 | 32423 Minden


23.01.-10.02.2010
zum 50-jährigen Bestehen des Caritasverbandes Kreis Höxter e.V.
Stadtverwaltung Bad Driburg


23.11.-01.12.2009
im Kapitelsaal des Paderborner Doms


09.11.-18.11.09
KOMMENDE Dortmund (Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn)
Brackeler Hellweg 144 | 44309 Dortmund


27.10.09 - 05.11.09 in Hofheim (Bistum Limburg )
Kath. Bezirksbüro MT
Vincenzstr. 29 | 65719 Hofheim


27.10.09 kleine Ausstellung von 6 Bildern in Wiesbaden-Nauroth im Rahmen
eines „Sozialpastoralforums“ (Bistum Limburg)


18.09. - 09.10.09
Caritasverband für die Stadt Köln e.V.
Bartholomäus-Schink-Str. 6 | 50825 Köln


09.09.09 Parlamentarischer Abend
Ab 19.00 Uhr unter der Rheinkniebrücke in Sichtweite des Landtags


28. August 2009, 11.00 – 14.00 Uhr
11.15 Uhr Podiumsgespräch mit Bewohnern des St. Antoniusheims
Pfarrheim St. Marien Siegen (Parkplatz)
Häutebachweg 5 | 57072 Siegen


Vom 30.03.2009 bis 30.04.2009
Kreisverwaltung Borken
Burloer Str. 93 | 46325 Borken


Vom 02.02.2009 bis 13.03.2009
Im Caritasverband für die Diözese Münster,
Kardinal-von-Galen-Ring 45 | 48149 Münster



Clemens-Josef-Haus in Blankenheim
Vellerhof 1
53945 Blankenheim

Weitere Portraits finden Sie auf 
»www.soziale-manieren.de«